Eine Versammlung gegen die Isolation und ein erster Schritt in Richtung Selbstverwaltung

Es ist ein gewittriger Freitagabend, an dem sich der kleine Saal des Ecological Movement Gebäudes von Drama nach und nach mit Menschen füllt. Am Tor davor hängt eines der Poster, das wir in den vergangenen Wochen an allen, unserer Ansicht nach strategisch wichtigen Orten der Stadt, verteilt haben. Beim Fahrradladen um die Ecke, an der Tür der selbsternannt anarchistischen Bar, am Gebäude einer Kifa Ortsgruppe, die Medikamente an Menschen ohne Krankenversicherung verteilt, sogar an den Türen des Rathauses. Orte, von denen wir uns erhofft haben, dass jene Leute, die bereits vor zwei Jahren aktiv geworden sind, um die Menschen im sieben Kilometer außerhalb liegenden Lager zu unterstützen, an ihnen vorbei spazieren werden. „Break Isolation!“ fordern die Poster und schlagen zu diesem Zweck einen Informationsabend vor, der Möglichkeiten bieten soll, Unterstützungsstrukturen zwischen den im Lager und den in Drama lebenden Leuten aufzubauen.

 

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Denn davon gibt es bis zu diesem Zeitpunkt recht wenig. Die Isolation, die mit dem abgelegenen Standort des Lagers, sowie schlechten Transportmöglichkeiten und einer Campleitung, die Unterstützung eher erschwert als fördert, einhergeht, ist weitestgehend unangetastet. Die vor zwei Jahren bestehenden Unterstützungsstrukturen sind nach der Übernahme des Lagers durch IOM im Sande verlaufen. Daran konnte auch die wöchentliche „Open Kitchen“ in den Räumen des Open Space nur wenig ändern. Doch im Kampf gegen die systematische Isolation von Geflüchteten und die damit verbunden zunehmende Machtlosigkeit, erscheint es essentiell, dieses wertvolle Netzwerk wiederzubeleben und zu erhalten.

 

Dazu finden sich an besagtem Freitagabend sowohl Leute aus Drama, als auch Campbewohner*innen zu einem Treffen zusammen, um mehr über die aktuelle asylpolitische Lage zu erfahren, sowie Probleme anzusprechen und erste Unterstützungsideen zu sammeln. Das Treffen, das man auch Konferenz, Gemeindeversammlung oder Plenum nennen könnte – je nach Standpunkt – war geprägt von einer beachtlichen Vielzahl an Sprachen. Farsi, Arabisch, Griechisch, Deutsch, Kurdisch und Englisch füllten den Raum. Ein kleines Wunder, dass trotzdem eine lebhafte Diskussion zustande kam und sich alle Beteiligten – zumindest meistens – verstanden haben. Glücklicherweise haben sich einige Sprachtalente zum Übersetzen bereit erklärt und dadurch diesen wichtigen Austausch erst ermöglicht.

 

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Um die aktuelle Situation besser einordnen zu können, begann der Abend mit einem kurzen Input zu den asylpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre. Nach Informationen zur aktuellen Situation von Migrant*innen in Griechenland, war Raum für Stimmen aus dem Lager. Es wurden Probleme angesprochen, die sich auf die schlechten Transportmöglichkeiten in die Innenstadt bezogen und die mangelhafte medizinische Versorgung im Camp anprangerten. Die generelle Einschätzung lautete, dass sich die Bewohner*innen mit ihren Problemen von der Lagerleitung allein gelassen fühlen und nicht wissen, an wen sie sich alternativ wenden können.

 

Die zahlreichen Besucher*innen warfen Fragen ein und sogar die ein oder andere  konstruktive Idee, um die angesprochenen Probleme anzugehen. Nachdem die allgemeinen Missstände, mehr zu individuellen Beschwerden wurden, fiel schließlich der Einwurf, dass eine der wirksamsten Möglichkeiten mit den angesprochenen Problemlagen umzugehen, eine Selbstorganisation sei. „Organisiert euch! Sammelt eure Forderungen und macht sie öffentlich!“ Bei der folgenden arabischen Übersetzung fiel das Wort „Protest“. Es wurde die Idee formuliert, eine Gruppe von Repräsentant*innen zu wählen, die sich gezielt den Missständen und Problemlagen im Lager widmet und sich mit Forderungen an die Campleitung, entsprechende Behörden sowie an eine breitere Öffentlichkeit wendet. Was dieser Idee folgt, werden die nächsten Treffen zeigen. Denn es ist geplant, regelmäßige Versammlungen dieser Art zu etablieren und so eine dauerhafte Plattform zu schaffen. Sowohl für konkrete Unterstützung von eher alltäglicher Natur, wie beispielsweise die Begleitung bei Behördengängen, Übersetzungen oder Workshopangeboten, als auch die Bearbeitung der zugrundeliegenden strukturellen Missstände.

 

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Im Anschluss an das Treffen, war die Stimmung unter allen Beteiligten ungewöhnlich beschwingt. Unter einigen entstand das Gefühl, etwas Bedeutsames und Besonderes ins Rollen gebracht zu haben. Es schien, als sei die Isolation der letzten zwei Jahre ein wenig ins Wanken gebracht worden zu sein und als wäre die Idee der Selbstorganisation nun greifbarer für alle Beteiligten. Jetzt gilt es den Funken zu bewahren, zu nähren und in weiteren Treffen gemeinsam zu planen, wie den Ideen und Anregungen konkrete Handlungen folgen können.

 

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