Let’s organize!

„Break the Isolation!“ war der Titel des Informationsabends, der vor zwei Monaten in Drama stattfand und diese Forderung begleitet uns weiterhin in unserem täglichen Handeln. Denn endlich kommen Menschen aus Drama und Bewohner*innen des Lagers regelmäßig zusammen, tauschen sich aus und versuchen zusammenzuarbeiten. Dabei haben alle Beteiligten erfahren, dass sich als Gruppe zu organisieren Vieles sein kann: mal spannend, mal langweilig, mal witzig, mal zermürbend, oft chaotisch – nur einfach, das ist es meistens nicht.

Nach dem ersten Info-Abend hatten wohl alle Anwesenden ihre ganz eigene Vorstellung davon, wie es nun weitergehen würde. Manche hatten sich vielleicht direkte Veränderungen erhofft, sobald die Probleme erst mal ausgesprochen waren. Schnell, einfach und quasi von allein. Ohne klären zu müssen, wie man aus aufgeworfenen Themen umsetzbare Handlungen formt und wer diese dann schlussendlich ausführt. Andere hofften vor allem, sich nun gegenseitig besser kennenzulernen und eine Gemeinschaft zu bilden. Und wieder andere hatten den Beginn einer selbstorganisierten Gruppe im Kopf die Themen diskutiert, Entscheidungen trifft und danach handelt.  Womöglich war auch die Idee von politischen Aktionen in dem einen oder anderen Kopf zu finden. Widerstand leisten gegen das Europäische Grenzregime. Endlich gemeinsam aktiv werden und die strukturellen Ungerechtigkeiten anprangern, mit denen Menschen auf der Flucht täglich konfrontiert sind. Denn das ist schließlich irgendwie die Wurzel aller angesprochenen Probleme.

Wie es vermutlich häufig in solchen Situationen der Fall ist, kam keine dieser Vorstellungen der Realität sehr nah. Doch nach inzwischen vier Folgetreffen wage ich trotzdem zu behaupten, dass jede dieser Erwartung den Prozess prägt, in dem wir uns nun befinden. Denn seit dem Info-Abend im Juni ist viel Spannendes passiert.

Zunächst waren die Treffen eher lose organisiert. Mal haben wir uns im Gebäude des „Ecological Movement“ in Drama getroffen, mal im Garten von Open Space. Große Bögen Papier warteten darauf mit den Themen gefüllt zu werden, die den Beteiligten wichtig sind. Da in einer gänzlich offenen Runde allerdings vor allem diejenigen zu Wort kommen, die auch sonst häufig den Ton angeben und alle anderen ungehört bleiben, wurde vorgeschlagen, zunächst jeder*m die Möglichkeit zu geben, sich vorzustellen und seine*ihre Themen der Reihe nach vorzubringen. Dieser Kreis nahm natürlich jede Menge Zeit und Geduld in Anspruch und ließ schließlich keine Energie, um über die zahlreichen aufgeworfenen Themen auch noch zu sprechen. Geschweige denn, zu entscheiden, wie man damit weiter verfahren könnte. Aber immerhin wurde jede*r gehört und wir haben uns als Gruppe ein bisschen kennengelernt. Das Ganze mündete in einem kleinen Live-Konzert von befreundeten Musiker*innen, dass uns all die unbesprochenen Themen mit griechischen Klängen vergessen ließ. Kein Problem, dann reden wir halt beim nächsten Mal drüber.

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Nachdem beim ersten Folgetreffen die einzig anwesenden Frauen aus dem Open Space Team und der griechischen Community stammten und somit in einer erschlagenden Unterzahl waren, haben wir in den nächsten Tagen gezielt Frauen angesprochen, die zu Open Space kamen, und ihnen von der Idee der Treffen erzählt. Zu unserer Überraschung kamen zum nächsten Treffen dann tatsächlich nur Frauen. Obwohl es auch dort keine vorgegebene Struktur oder Moderation gab, war es beeindruckend organisiert und entspannt. Wichtige Themen sind bei beiden Gruppen vor allem die wenig frequentierte und teure Busverbindung vom Lager in die Innenstadt, schlechte medizinische Versorgung, die Forderung nach gerechter Verteilung von benötigten Gütern und fehlende Betätigungsmöglichkeiten.

Die Rolle des Open Space Teams lag zunächst vor allem im Organisieren der Treffen ohne diesen eine konkrete Form zu geben. Mit der Idee, uns, als nicht primär Betroffene, zurückzunehmen und der Gruppe dadurch die Möglichkeit zu lassen, ihren eigenen Weg zu finden. Da sich aber herausgestellt hat, dass es für eine Gruppe dieser Größe mit derart unterschiedlichen Vorstellungen fast unmöglich ist, ohne vorgegebene Organisation ein produktives Meeting zu haben, die Grenze zum puren Chaos nicht zu übertreten und die Motivation aufrecht zu erhalten, haben wir schließlich beschlossen eine Struktur anzubieten. Auch, um endlich aus den angesprochenen Themen resultierende, konkrete Handlungsschritte zu finden. Wir haben uns also beim nächsten Mal eine logische Gliederung überlegt und eine Moderation aufgestellt, um die Sprechbeiträge gerecht zu verteilen und nicht nur die Lautesten zu Wort kommen zu lassen.

Die Umsetzung dieses optimistischen Plans hat allerdings nur mäßig funktioniert. Noch vor dem ersten Gliederungspunkt kam ein minutenlanger Vortrag über die mangelnde Effizienz dieser Treffen, schließlich sitze man jetzt schon zum dritten Mal zusammen und die Probleme bestünden weiterhin. Das stimmt natürlich, aber konstruktive Vorschläge wie wir konkreter werden könnten hatte die Person leider auch nicht. Die Grundidee bestand ja vor Allem darin, als Gruppe zu überlegen was man tun kann. Doch die Erwartungen, vor allem an die griechischen Anwesenden, waren von Anfang an hoch. Da half es auch nicht, zu erklären, dass es sich bei den Menschen der Treffen um „Zivilbevölkerung“ handelt, also niemanden in entscheidenden Positionen. Man kann natürlich trotzdem etwas bewegen, es braucht einfach einen konstruktiven Gruppenprozess, um herauszufinden was und wie. Schließlich kam der wichtige Einwand einer jungen Griechin, dass dieser Prozess vor allem eines benötige: Geduld. Das ist vermutlich das Zauberwort. Denn bei allen Ambitionen und Erwartungen sind es vor allem Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten, die da zusammenkommen und versuchen sich zu organisieren. Manche haben jahrelange Erfahrung mit derartigen Treffen, andere werden vielleicht zum ersten Mal in einer solchen Runde nach ihrer Meinung gefragt. Klar, braucht das Zeit.

Neben allen Schwierigkeiten, ergeben sich in diesen Runden natürlich auch spannende und wichtige Entwicklungen. Denn trotz einer zunehmenden Hoffnungslosigkeit auf der einen Seite , wird auch die Forderung nach Veränderungen immer lauter. Als bei Treffen Nummer drei schließlich die Idee einer kleinen Demo vor dem Rathaus eingeworfen wurde, um einige konkrete Forderungen direkt an die zuständige Behörde zu richten, bekam die Diskussion eine ganz neue Energie. Zudem wurde in den letzten Wochen auch eine kleine aber sehr engagierte Gruppe von Griech*innen fester Bestandteil des Projekts. Sie nutzen dabei ihre Möglichkeiten, wie beispielsweise den klaren sprachlichen Vorteil und das Wissen über hiesige Strukturen, um bei Behörden Druck zu machen und die Forderungen der im Lager lebenden Menschen zu unterstützen. Darüber hinaus hat sich aus dem einen reinen Frauentreffen ein wöchentlicher „Women’s Circle“ entwickelt, in dem Frauen aus verschiedenen Kontexten ihre Erfahrungen und Gedanken teilen.

Auch die Rolle des Open Space Teams entwickelt sich weiter. Durch den angebotenen Raum, kommen Menschen über ihre Situation ins Gespräch, erfahren Solidarität und Unterstützung bei ihren Forderungen. Menschen zusammenbringen, sich aber während eines Meetings eher zurückzuhalten und die Leute sprechen zu lassen, die es am meisten betrifft, kommt der Rolle die wir als Unterstützer*innen einnehmen wollen vermutlich am nächsten. Auch wenn wir dieses Ideal nicht immer erreichen, geschieht mit uns als Gruppe vor Allem eines: Wir kommen uns näher, lernen voneinander und aus diesem besonderen Prozess.

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