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Eine Versammlung gegen die Isolation und ein erster Schritt in Richtung Selbstverwaltung

Es ist ein gewittriger Freitagabend, an dem sich der kleine Saal des Ecological Movement Gebäudes von Drama nach und nach mit Menschen füllt. Am Tor davor hängt eines der Poster, das wir in den vergangenen Wochen an allen, unserer Ansicht nach strategisch wichtigen Orten der Stadt, verteilt haben. Beim Fahrradladen um die Ecke, an der Tür der selbsternannt anarchistischen Bar, am Gebäude einer Kifa Ortsgruppe, die Medikamente an Menschen ohne Krankenversicherung verteilt, sogar an den Türen des Rathauses. Orte, von denen wir uns erhofft haben, dass jene Leute, die bereits vor zwei Jahren aktiv geworden sind, um die Menschen im sieben Kilometer außerhalb liegenden Lager zu unterstützen, an ihnen vorbei spazieren werden. „Break Isolation!“ fordern die Poster und schlagen zu diesem Zweck einen Informationsabend vor, der Möglichkeiten bieten soll, Unterstützungsstrukturen zwischen den im Lager und den in Drama lebenden Leuten aufzubauen.

 

event poster open space

 

Denn davon gibt es bis zu diesem Zeitpunkt recht wenig. Die Isolation, die mit dem abgelegenen Standort des Lagers, sowie schlechten Transportmöglichkeiten und einer Campleitung, die Unterstützung eher erschwert als fördert, einhergeht, ist weitestgehend unangetastet. Die vor zwei Jahren bestehenden Unterstützungsstrukturen sind nach der Übernahme des Lagers durch IOM im Sande verlaufen. Daran konnte auch die wöchentliche „Open Kitchen“ in den Räumen des Open Space nur wenig ändern. Doch im Kampf gegen die systematische Isolation von Geflüchteten und die damit verbunden zunehmende Machtlosigkeit, erscheint es essentiell, dieses wertvolle Netzwerk wiederzubeleben und zu erhalten.

 

Dazu finden sich an besagtem Freitagabend sowohl Leute aus Drama, als auch Campbewohner*innen zu einem Treffen zusammen, um mehr über die aktuelle asylpolitische Lage zu erfahren, sowie Probleme anzusprechen und erste Unterstützungsideen zu sammeln. Das Treffen, das man auch Konferenz, Gemeindeversammlung oder Plenum nennen könnte – je nach Standpunkt – war geprägt von einer beachtlichen Vielzahl an Sprachen. Farsi, Arabisch, Griechisch, Deutsch, Kurdisch und Englisch füllten den Raum. Ein kleines Wunder, dass trotzdem eine lebhafte Diskussion zustande kam und sich alle Beteiligten – zumindest meistens – verstanden haben. Glücklicherweise haben sich einige Sprachtalente zum Übersetzen bereit erklärt und dadurch diesen wichtigen Austausch erst ermöglicht.

 

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Um die aktuelle Situation besser einordnen zu können, begann der Abend mit einem kurzen Input zu den asylpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre. Nach Informationen zur aktuellen Situation von Migrant*innen in Griechenland, war Raum für Stimmen aus dem Lager. Es wurden Probleme angesprochen, die sich auf die schlechten Transportmöglichkeiten in die Innenstadt bezogen und die mangelhafte medizinische Versorgung im Camp anprangerten. Die generelle Einschätzung lautete, dass sich die Bewohner*innen mit ihren Problemen von der Lagerleitung allein gelassen fühlen und nicht wissen, an wen sie sich alternativ wenden können.

 

Die zahlreichen Besucher*innen warfen Fragen ein und sogar die ein oder andere  konstruktive Idee, um die angesprochenen Probleme anzugehen. Nachdem die allgemeinen Missstände, mehr zu individuellen Beschwerden wurden, fiel schließlich der Einwurf, dass eine der wirksamsten Möglichkeiten mit den angesprochenen Problemlagen umzugehen, eine Selbstorganisation sei. „Organisiert euch! Sammelt eure Forderungen und macht sie öffentlich!“ Bei der folgenden arabischen Übersetzung fiel das Wort „Protest“. Es wurde die Idee formuliert, eine Gruppe von Repräsentant*innen zu wählen, die sich gezielt den Missständen und Problemlagen im Lager widmet und sich mit Forderungen an die Campleitung, entsprechende Behörden sowie an eine breitere Öffentlichkeit wendet. Was dieser Idee folgt, werden die nächsten Treffen zeigen. Denn es ist geplant, regelmäßige Versammlungen dieser Art zu etablieren und so eine dauerhafte Plattform zu schaffen. Sowohl für konkrete Unterstützung von eher alltäglicher Natur, wie beispielsweise die Begleitung bei Behördengängen, Übersetzungen oder Workshopangeboten, als auch die Bearbeitung der zugrundeliegenden strukturellen Missstände.

 

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Im Anschluss an das Treffen, war die Stimmung unter allen Beteiligten ungewöhnlich beschwingt. Unter einigen entstand das Gefühl, etwas Bedeutsames und Besonderes ins Rollen gebracht zu haben. Es schien, als sei die Isolation der letzten zwei Jahre ein wenig ins Wanken gebracht worden zu sein und als wäre die Idee der Selbstorganisation nun greifbarer für alle Beteiligten. Jetzt gilt es den Funken zu bewahren, zu nähren und in weiteren Treffen gemeinsam zu planen, wie den Ideen und Anregungen konkrete Handlungen folgen können.

 

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„Open Kitchen“ Spendenaufruf

English version below

Open space, cooking action

Wir sind in den letzten Wochen dabei, in den Räumen des Open Space eine offene Küche zu etablieren, ähnlich dem Konzept der Küche für Alle (auch bekannt als Küfa, SoKü oder VoKü). Jeden Mittwochabend stellen wir dazu die Tische zu einer langen Tafel zusammen, Kochen und Essen gemeinsam. Die „Open Kitchen“ soll Möglichkeiten zum Kennenlernen, Vernetzen oder auch einfach zum gemütlichen Beisammensein bieten.

Die „κουζίνα για όλους” (gr. „Küche für alle“) ist eine gute Gelegenheit, um Menschen aus Drama und der Region auf das Projekt aufmerksam zu machen und im besten Fall mit einzubinden. Dadurch wollen wir der Isolation entgegenwirken, in der geflüchtete Menschen, in einem Lager 7 km entfernt vom Stadtzentrum, untergebracht sind.

Da das regelmäßige Kochen für eine große Anzahl von Menschen natürlich einen Haufen Zutaten erfordert, würden wir uns über weitere Spendenbeiträge, insbesondere in Form von Daueraufträgen sehr freuen. Denn das ermöglicht uns eine gewisse finanzielle Planungssicherheit, die bei der Etablierung des Open Space als einen Ort für Alle eine wichtige Grundlage darstellt.

open kitchen flyer

English version:

„OPEN KITCHEN“ – CALL FOR DONATIONS

 

In the last few weeks we have been establishing an Open Kitchen in the rooms of Open Space. For that reason every Wednesday evening we put our tables together in a long row, cook and eat together. The Open Kitchen offers opportunities for getting to know each other, connection or simply for a cosy get-together.

We see the “κουζίνα για όλους” (gr. „kitchen for everyone“) as a chance to draw the attention of people from Drama and the region to the project and, at best, to integrate them into it. Connecting people from the camp with locals of Drama is an important part of working against the state of isolation, refugees are put in by living in a camp 7 km away from the city centre.

Since cooking for a large number of people on a regular basis naturally requires a lot of ingredients, we would be very happy about further donations, especially in the form of standing orders. These would allow us a financial planning security, which would be very beneficial for the establishment of Open Space as a place for everybody.

open kitchen cooking action

 

„We don’t have a bed for you, so better go back to Iraq!“

English version below

Neue Bewegungsfreiheit innerhalb Griechenlands, allerdings ohne gesicherte Unterbringung. IOM verweigert zwei Familien einen Schlafplatz und schlägt ihnen statt dessen eine „freiwillige Rückkehr“ vor.

Nach dem aktuellen Urteil des obersten griechischen Gerichts, können flüchtende Menschen, die ab sofort auf den Inseln ankommen, selbst entscheiden wo sie in Griechenland leben möchten.* Ein längst überfälliger Schritt angesichts der menschenunwürdigen Lebensbedingungen auf den überfüllten Inseln. Allerdings treffen wir in den letzten Tagen immer wieder Menschen, die uns verzweifelt berichten, keinen Schlafplatz mehr zu finden. Anscheinend ist das griechische Versorgungs- und Unterbringungssystem für Geflüchtete zusammengebrochen. Den Informationen einer großen griechischen NGO zufolge, ist das keine neue Situation. Seit Monaten schlafen geflüchtete Menschen auf der Straße – Familien, sowie Einzelpersonen. Momentan gibt es anscheinend nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich offiziell für die Unterbringung in einem der Lager zu bewerben. Die einzige Chance besteht darin, an der Pforte eines griechischen Lagers inoffiziell nach Schlafplätzen zu fragen.

Vor diesem Hintergrund ist es um so schockierender, dass IOM, die Organisation, die das Lager hier in Drama leitet, diese Woche zwei Familien aus dem Camp geworfen hat. Laut Berichten der Bewohner*innen dort hat das Lager durchaus noch Unterbringungskapazitäten. Den Familien wurde nicht nur der Schlafplatz verwehrt – ohne Informationen, wohin sie sich alternativ wenden könnten – ihnen wurde nach dem Rauswurf zudem die Option der so genannten „Freiwilligen Rückkehr“ in ihr Herkunftsland unterbreitet. Eine der Haupteinnahmequellen von IOM. Unserer Ansicht nach, handelt es sich um ein extrem problematisches Vorgehen, Menschen in einer derart verzweifelten Situation keine anderen Informationen und Handlungsoptionen aufzuzeigen, als die Rückkehr in das Land aus dem sie schließlich nicht grundlos geflüchtet sind. Vor allem, da die verzweifelte Situation der Familien durch die gleiche Organisation hervorgerufen wurde, die eine „freiwillige Rückkehr“ durchführt und gut daran verdient.

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New freedom of movement within Greece, but without secure accommodation. IOM denies two families a place to sleep and instead suggests a „voluntary return“.

As a result of the current decision of Greek’s Highest Court, refugees who arrive on the islands from now on can decide for themselves where they want to stay in Greece. A long overdue step in view of the inhuman living conditions on the overcrowded islands. However, during the last few days we met several people who desperately told us that they can’t find a place to sleep. Apparently, the Greek system of accommodation has collapsed. According to information from a major Greek NGO, this isn’t a new situation. For months now, refugees have been sleeping on the streets – families and individuals. At the moment it seems that there is not even the possibility to officially apply for accommodation in one of the camps. The only chance is to ask unofficially for sleeping places at the gate of a Greek camp.

Against this background, it’s even more shocking that IOM, the organization that is running the camp here in Drama, has kicked two families out this week. According to reports of the people who live there, the camp still has accommodation capacities. The families were not only denied a place to sleep – without information where they could turn to alternatively – they were also offered the option of so-called „voluntary return“ to their country of origin. One of IOM’s main sources of income. In our opinion, this is an extremely problematic behavior of not providing people in such a desperate situation with information and options for action other than returning to the country from which they ultimately fled for a reason. Especially since the desperate situation of the families was caused by the same organization that carries out a „voluntary return“ and makes a good profit from it.

Ein Lebenszeichen von Open Space!

Seit dem letzten Blogeintrag ist zugegebenermaßen jede Menge Wasser sämtlicher Flüsse herauf und herunter geflossen. Mit anderen Worten er liegt weit zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer von ihnen ist, dass Open Space über die Wintermonate von unabhängigen Freiwilligen weitergeführt wurde, die meist kurze Zeitabschnitte in Drama verbracht haben und deren Kapazität dementsprechend begrenzt war. Zudem hatten Blogeinträge in diesem Kontext nicht die gleiche Priorität, wie die direkte Arbeit mit den verschiedensten Menschen, die Open Space besuchen. Doch das Projekt existiert weiterhin und für die nächsten sechs Monate sind zwei der Begründer*innen permanent vor Ort, wodurch wieder mehr Stabilität entstehen soll, sowie langfristige konzeptionelle Ziele in den Fokus rücken.

Eines davon ist die Bekämpfung der Isolation, in der sich Geflüchtete im Lager weiterhin befinden, durch den Kontaktaufbau mit Menschen aus Drama. Zu diesem Zweck soll sich in nächster Zeit eine offene Küche in den Räumen von Open Space und vor allem in dessen blühendem Garten etablieren. Das Konzept der „Küche für alle“ bietet vielerorts einen Raum für Begegnung und Austausch beim gemeinsamen Kochen und Essen. Auch die Gestaltung des Gartens, in dem wir Gemüse anpflanzen, Tarpes spannen und Möbel bauen, trägt dazu bei, gemeinsam einen Ort zu schaffen, an dem verschiedenste Menschen gerne ihre Zeit verbringen.

Ein weiteres Ziel hat gerade in den letzten Monaten für uns zusehends an Bedeutung und Aktualität gewonnen: Die Versorgung der geflüchteten Menschen mit den Informationen, die sie brauchen um  fundamentale Entscheidungen zu treffen. Wir sind immer wieder mit Familientragödien konfrontiert, die teilweise auch auf unrealistischen Einschätzungen durch fehlende Informationen über die eigenen rechtlichen Möglichkeiten beruhen. Dabei darf unserer Ansicht nach nicht vergessen werden, wo die tieferen Gründe für diese Tragödien wurzeln. Das Europäische Grenzregime wartet weiterhin mit Asylrechtsverschärfungen, Aufnahmestopps und Abschiebungen auf. Tendenz steigend. Die politischen Entscheidungen in Deutschland und anderen EU-Staaten der letzten Monate haben direkten Einfluss auf die Situation der Menschen, die in Griechenland verzweifelt auf eine Möglichkeit warten, ihren Fluchtweg fortzusetzen. Bei all der gesetzlichen Härte, die diesen Menschen tagtäglich begegnet, ist das Wissen über die eigenen Rechte ein Instrument, das im Zweifel helfen kann, die eigene Lage besser einzuschätzen und dementsprechend zu handeln.

Auch wir als Open Space Team wollen trotz der weiterhin schwierigen Gesamtsituation mit der wir konfrontiert werden, nicht unsere Handlungsfähigkeit verlieren und sehen dem Frühling daher mit einer Gruppe neuer Mitarbeiter*innen, neuen Einflüssen und voller Energie entgegen.

 

 

Pushed back.

English version below

„Warum schützt man die Grenzen der Länder so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?“

Diese Liedzeile geht mir durch den Kopf bei der Erinnerung daran, wie die Schwestern Nour und Abeer1 (19 und 21 Jahre alt) mir in Griechenland von ihren Erlebnissen auf der Flucht erzählt haben. Ihre Familie wurde bei dem Versuch in Europa Schutz zu suchen getrennt – und ist es bis heute. Wir haben lange darüber gesprochen, ob es in Ordnung ist, ihre persönliche Geschichte aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Doch die Beiden waren nicht nur einverstanden, sondern wollten mit Nachdruck so schnell wie möglich ein Interview führen. Es ist ihnen wichtig, dass ihre Geschichte verbreitet wird. Eine Geschichte, wie sie viel zu viele Menschen an Europas Grenzen erleben müssen.

Hinter uns steht das rot-gelb gestreifte Circuszelt, in dem wir uns kennengelernt haben. Es bietet dem Projekt „Open Space“, bei dem ich mitarbeite, einen Raum um zusammenzukommen und Menschen auf der Flucht auf verschiedene Arten und Weisen zu unterstützen. Im Hintergrund erkennt man eingezäunte Fabrikgebäude, die inzwischen renoviert und zu einem Lager für Geflüchtete umfunktioniert wurden. Etwa 150 Menschen leben dort isoliert von der Stadt Drama, ohne Perspektive, wie es weitergehen soll. Die beiden erzählen mir, dass sie auf ihrer Flucht in schlimmeren Camps leben mussten. Eines davon befindet sich in Orestiada, einer kleinen Stadt nahe der türkischen Grenze. Wie die Inseln Lesbos oder Chios ist der Ort in Deutschland vor allem als hübsches Urlaubsziel bekannt. Für Flüchtende, die nach der Überquerung der griechisch-türkischen Grenze dort oder auf einer der Inseln stranden, ist es die Hölle. Sie kommen zunächst in riesige Camps, in denen sich Menschen auf kleinstem Raum ohne ausreichend medizinische Versorgung, Nahrung oder Hygieneeinrichtungen aufhalten müssen und häufig sogar eingesperrt sind ² ³. Dort bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als darauf zu warten, was als nächstes mit ihnen geschieht. Entweder werden sie aufs Festland geschickt um in Griechenland zumindest Asyl beantragen zu können, oder in die Türkei abgeschoben. In einem solchen Lager waren auch Nour und Abeer einige Wochen zusammen mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder.

Zuvor hatte sich die gesamte Familie darauf vorbereitet, gemeinsam die Ägäis zu überqueren. Nour, Abeer, ihre Mutter, ihre zwei Brüder, der Vater und die jüngste Schwester – ein vier Monate altes Baby. Doch das Boot, in das sie steigen wollten, war zu klein und instabil. Der Schleuser gab ihnen zu verstehen, dass nicht alle mitkommen können. Die Mutter war voller Sorge um ihr Baby angesichts des wackeligen Bootes und entschied schließlich, das kleine Mädchen beim Vater zu lassen, damit sie mit dem nächsten, hoffentlich besseren, nachkommen könnten. Doch dazu kam es nicht. Das Boot, auf dem sich Vater und Tochter befanden, wurde von der türkischen Grenzpolizei gestoppt. Alle Mitfahrenden wurden verhaftet und sofort zurück in die Türkei gebracht. Dieses Vorgehen wird als „Push-back“ bezeichnet und ist zum Alltag an der griechisch-türkischen Grenze geworden. Schutzsuchende werden dabei ohne irgendeine Anhörung zurückgedrängt, was von AnwältInnen und Organisationen wie Pro Asyl als Menschenrechtsverletzung deklariert wird.4 Ungeachtet dessen finden im Namen des EU-Türkei Deals fast täglich Push-backs in türkischen und griechischen Gewässern statt wodurch asylsuchenden Menschen verwehrt wird, ihre Rechte wahrzunehmen.

In der Zwischenzeit wurden Nour und Abeer in ein Camp auf das griechische Festland geschickt – etwas, worauf nahezu alle Menschen in den überfüllten Lagern der Inseln hoffen, da die Bedingungen auf dem Festland zumindest etwas besser sind. Zudem haben Flüchtende die Hoffnung, von dort aus doch noch das Zielland zu erreichen und sich ein Leben aufzubauen. Nours und Abeers Familie ist aus der Stadt Irbil im Irak geflohen und wollte zu einem Verwandten nach Deutschland. Wie für die meisten Menschen auf der Flucht ist Griechenland nicht ihr Ziel, sondern ein Transitland, in dem man vor geschlossenen Grenzen darauf wartet, dass es weitergeht. „Unsere Familie ist in der ganzen Welt verstreut“ erzählt Nour. „Dabei wollen wir nur, dass alle wieder zusammen sind. In einem Land.“

Seit der ersten gescheiterten Überfahrt hat ihr Vater insgesamt fünf mal versucht, über die Seegrenze nach Griechenland zu gelangen. Drei mal wurde er entweder von der Türkischen oder Griechischen Grenzpolizei verhaftet und zurückgeschickt, bevor er Griechenland auch nur betreten hatte. Zwei mal kam er auf auf griechischem Boden an. Er und sein Baby wurden sofort verhaftet und verbrachten die nächsten neun Stunden auf einer Polizeistation. Der Vater berichtet, geschlagen worden zu sein, sein Handy wurde zerstört und seiner kleinen Tochter wurden die Kleider genommen. Sie bekam innerhalb der neun Stunden nur ein mal die Möglichkeit ein Fläschchen zu trinken. Polizeigewalt an Europäischen Grenzen ist kein Einzelfall. Vor allem die serbisch-ungarische Grenze zeichnet sich durch äußerst brutales Vorgehen der GrenzbeamtInnen auch gegen Minderjährige aus. Hundebisse und andere schwere Verletzungen werden dort fast täglich dokumentiert.5 Und auch auf den griechischen Inseln wird immer wieder von Gewalt gegen Geflüchtete auf Polizeistationen berichtet.

Nach diesen neun Stunden im Gefängnis wurde beschlossen, die kleine Familie in die Türkei abzuschieben, obwohl der Vater keinerlei Verbindung zu dem Land hat. Innerhalb weniger Stunden waren sie wieder dort, wo sie am vergangenen Tag gestartet waren. Nur war Griechenland durch diese Erfahrung ein ganzes Stück unerreichbarer geworden. Das andere Mal lief sehr ähnlich ab, wieder wurden alle nach wenigen Stunden abgeschoben. Solche Abschiebungen in die Türkei sind seit dem EU-Türkei Deal möglich und seit der Entscheidung des Griechischen Oberverwaltungsgerichts die Türkei zu einem „sicheren Dritt-Staat“ für Geflüchtete zu erklären.6 Das bedeutet, dass Flüchtende die über den Seeweg auf Griechenlands Inseln ankommen, direkt zurückgeschickt werden können.

Gegen Ende unseres Gesprächs fragte ich die beiden Schwestern, ob sie noch etwas hinzufügen möchten. Nour sagte damals, „Ich habe das Gefühl, es passieren nur schlechte Dinge in unserem Leben. Aber ich wünsche mir, dass es nicht immer so bleibt. Ich will, dass uns gute Dinge geschehen.“ Nach vielen Wochen der Ungewissheit und Enttäuschungen sind Nour und Abeer inzwischen auf dem Weg in den Irak. Die Entscheidung war wohl eine der Schwersten die ihre Mutter je treffen musste. Doch auch nach Gesprächen mit verschiedenen AnwältInnen war es die einzige Möglichkeit, die sie sah, um wieder bei ihrem Baby zu sein und die Familie zusammenzubringen – sogar wenn das bedeutet, in ein Kriegsgebiet zurückzukehren.

Es ist nicht nur Krieg und Terror, der dieses Leid verursacht. Es sind die Grenzen und Gesetze, die Europa um sich gezogen hat und mit Push-Backs, Abschiebungen und Polizeigewalt verteidigt. Würde man davon ausgehen, dass die EU-Länder ein hohes Interesse daran haben, die „Flüchtlingszahlen“ klein zu halten, werden Menschen aus Syrien und dem Irak vor allem deshalb so schnell zurückgedrängt oder von den Inseln abgeschoben, weil sie rechtlich gesehen Asyl bekommen müssten sobald es zu einer Anhörung kommt. Außerdem sollte niemand Polizeigewalt fürchten müssen, vor allem nicht diejenigen, die in Europa Schutz und die Achtung ihrer Menschenrechte suchen. Jenseits von abstrakten „Flüchtlingszahlen“ sind es Menschen und ihre Geschichten von denen wir sprechen. Wie kann es sein, dass sie solche Dinge erleben, während sie Zuflucht in Ländern suchen, die von sich behaupten Menschenrechte hochzuhalten? Zuflucht, die ihnen aufgrund von Pässen verwehrt wird. Wer achtet ihre persönliche Grenze? Ihr Recht auf Asyl, Unversehrtheit, Würde?

„Warum schützt man die Grenzen der Länder so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?“

Verfasst von Julia

Abgeriegeltes-Meer

1 Namen wurden geändert.


Quellenangaben/Sources:

² Sea Watch (12.10.17): Monitoring Moria, https://sea-watch.org/en/monitoring-moria/.

³ DW (27.01.17): EU-Turkey Deal overburdens Greek islands,

http://www.dw.com/en/eu-turkey-refugee-deal-overburdens-greek-islands/a-37297822.

4 Pro Asyl (24.01.14): Pushed Back, https://www.proasyl.de/material/pushed-back/ .

5 Rigardu (14.06.17): Ein Mensch ist kein Fußball. Wie Menschenrechte mit Füßen getreten werden, https://rigardu.de/2017/06/14/ein-mensch-ist-kein-fussball-wie-menschenrechte-mit-fuessen-getreten-werden/.

6 Refugee Law Clinics Abroad (25.09.17): Greek Council of State approves forced returns to Turky, https://refugeelawclinicsabroad.org/2017/09/25/rlca-fears-massive-removals-to-turkey/

7 Liedzeile aus „Grenzen“ von Dota, https://www.youtube.com/watch?v=MgpoE_2dWhY

8 Bild:  http://nordstadtblogger.de/abgeriegeltes-meer-amnesty-international-bietet-film-und-diskussion-zum-thema-flucht-ueber-das-mittelmeer/abgeriegeltes-meer-2/

 


English version:

„Why are borders of countries secured so well and borders of people so badly?“

This line of a German song comes to my mind when I remember how the two sisters Nour and Abeer 1 told me about their experiences as refugees in Greece. Their family got divided while seeking safety in the European Union – and still is divided today. Before I wrote about them we talked about telling their personal story and if it would be okay to publish it. They were not only fine with it, but wanted to do an interview as fast as possible. To them it’s very important that their story gets spread. A story that way too many people at Europe’s external borders share.

Behind us stands the yellow-red circus tent in which we first met. It offers a platform for the project „Open Space“, wich I work for, to come together and support refugees in many different ways. In the background one can see fenced industrial buildings, that got renovated and turned into a camp for refugees. Around 150 people live there, isolated from the town Drama and with no knowledge what their future might bring. The sisters tell me about worse camps, they had to live in during their flight. One of them was at Orestiada. Just like Lesvos or Chios it’s mostly known as a pretty vacation destination. For the refugees who got stranded there after crossing the Turkish-Greek border it’s more like hell. They have to stay in huge overcrowded camps without adequate medical care, food or hygienic supplys – sometimes even imprisoned. 2 3 They’re forced to wait and see what’s going to happen to them next. The two possibilities are to apply for asylum in Greece or to get deported to Turkey. In one of those camps Nour and Abeer had to stay for a few weeks together with their mother and their little brother.

Before that, the whole family prepared to cross the Ägäis . Nour, Abeer, their mother, their brothers, the father and the youngest sister – a four month old baby. But the boat that they were supposed to take was too small and instable, so the trafficker decided not everybody could come along. The mother was worried about her Baby and seeing the shaky boat she decided to leave her daughter with the father so they could follow with the next, hopefully better, boat. But they never were able to succeed. The boat, father and daughter sat in, was stopped by the Turkish border-police. All passengers got arrested and forcefully returned to Turkey immediately. This procedure is called “push back” and is part of the everyday violence at Europe’s external borders. People who seek protection get pushed back without any kind of hearing, which is considered a human rights violation by lawyers and NGOs as for example “Pro Asyl”.4 Nevertheless in the name of the EU-Turkey Deal, Push-backs happen on a daily basis in Turkish and Greek waters and so people who seek for asylum are prevented from exercise their human rights.

In the meantime Nour and Abeer were sent to a Camp on the Greek mainland – something nearly everybody who stays on the overcrowded islands hopes for, because living conditions on the mainland are at least a bit better. Also they hope to continue their journey from there and finally reach their country of destination to build up a new life. Nours and Abeers‘ family fled from the town Irbil in Iraq and wanted to go to a brother in Germany. Like for most refugees Greece wasn’t their destination but a transit-country where one waits in front of closed borders to continue. “Our family is spread over the whole world.” said Nour. “But all we want is to be together. In one country.”

Since the first failed crossing their father tried all in all five times to reach Greece. Three times he got arrested either by the Turkish or Greek border-police and got sent back before he could even step on Greek land. Two times he arrived on Orestiada. He and his baby got arrested and had to spend the next nine hours at a police department. Their father reports that he got beaten, his phone got destroyed and his little daughter’s clothes got taken away so she had to freeze the whole time. She only had the possibility to drink one bottle of milk during those nine hours. Police violence at Europe’s borders is not a rare occurance. Especially guards at the Serbian-Hungarian/Serbian-Croatian border are known for an extreme brutal behavior against refugees – even minors. Dog bites and other heavy injuries are documented there nearly everyday.5 But there are also reports of violence against refugees in police stations on the Greek islands.

After those nine hours in prison it was decided to deport the small family to Turkey, even though they had no connection to the country. Within a few hours they were at the same point where they had started the day before and Greece seemed even more unreachable after that experience.

The other time was pretty similar, again they got deported after only a few hours. Deportations like that are possible since the EU-Turkey deal came into effect and the decision of Greece’s high court was made to consider Turkey a “safe third-state” for refugees.6 This means that refugees who reach Greece over the sea-border can be sent back directly without an official hearing.

At the end of our conversation I asked the two sisters, if they wanted to add anything. Back then Nour said: ”I have the feeling only bad things happen to us, but I wish that it doesn’t stay like that forever. I want good things to happen.” After many weeks of uncertainty and disappointments, Nour and Abeer are now on their way back to Iraq. The decision must have been one of the hardest their mother ever had to make. But even after lawyers advised her, it was the only possibility she saw to get her baby back and reunite the family – even though it means going back to live in a war zone.

Not only war and terror are responsible for suffering like this, but also the borders and laws around Fortress Europe that are defended by push-backs, deportations and police violence. Would one assume that EU-countries have a high interest in keeping “refugee-numbers” low, then people from Syria and Iraq get pushed back and deported so quickly from the islands because they would have an actual chance of getting asylum after a hearing. Even more so nobody should fear police violence and especially not those who come to Europe for safety and respect of their human rights. Far away from abstract “refugee numbers” it’s people and their stories we have to talk about. How can things like this happen when someone seeks protection in countries which pretend to care about human rights? Protection, that gets denied to them because of a passport. Who respects their personal border? Their right of asylum, integrity, dignity?

„Why are borders of countries secured so well and borders of people so badly?“

1 Names got changed


In Thessaloniki demonstrierten Geflüchtete für ihre Rechte

English version below

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Eine Zusammenfassung der Geschehnisse von Michaela:

Am 15 November 2017 versammelten sich ca. 150 Menschen (hauptsächlich Flüchtende) in Thessaloniki, um gegen die Lebensumstände für Geflüchtete in Griechenland und die fehlende Möglichkeit in andere europäische Länder zu gehen, zu demonstrieren.

Ein Post in Sozialen Netzwerken rief dazu auf, sich am Morgen des 15. Novembers auf einem zentralen Platz in Thessaloniki zu versammeln, um in Richtung der mazedonischen Grenze zu laufen. Somit startete der Protest gegen 7 Uhr morgens, als die ersten Menschen mit dem Nachtzug aus Athen ankamen.

Das Ziel der Menschen war es, wie mir Djamal*, ein Syrer aus dem Camp bei Drama erzählte, über die mazedonische Grenze und von dort in weitere europäische Länder zu gelangen. Ihre Hoffnung stütze sich auf einen erfolgreichen Grenzübergang im Jahr 2015. Bedingt durch schlechtes Wetter und teure Bus- und Zugtickets, welche sich die wenigsten leisten konnten, war die Gruppe der Demonstrant*innen um einiges kleiner als erwartet.
Auch aus dem Camp bei Drama gingen einige Menschen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu dem Protest nach Thessaloniki.

Djamal, der selbst auch an dem Protest teilgenommen hatte, erzählte mir, dass sie trotz ihrer geringen Anzahl Richtung mazedonischer Grenze losliefen, allerdings schon nach wenigen Kilometern von der griechischen Polizei aufgehalten wurden. Auch wenn das Aufeinandertreffen mit der Polizei von beiden Seiten aus gewaltfrei verlief wurde den Demonstrierenden mitgeteilt, dass sie nicht weiter laufen dürften und wieder nach Hause gehen sollten. Da viele der Menschen aus Athen keine Schlafmöglichkeit hatten, kehrten sie zu dem Platz in Thessaloniki zurück und übernachteten dort.

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Trotz eines friedlichen Ablauf des Protestes, hatte er nicht annähernd den erwünschten Effekt. Weiterhin sitzen Tausende von Geflüchteten in Griechenland fest, müssen sich mit einem sehr langsamen und undurchsichtigen Asylverfahren abfinden und leben in der Ungewissheit, ob sie jemals ihr Zielland erreichen werden.

„Es muss sich etwas ändern“ sagte mir Djamal. Die Lebensbedingungen für Geflüchtete in Griechenland sind sehr problematisch. Die Situation auf den Inseln ist katastrophal und auch auf dem Festland ist das Leben für Geflüchtete schwer. Die meisten Camps liegen isoliert außerhalb der Städte, wie das Camp bei Drama, welches sich 7 Kilometer entfernt vom Stadtkern in einem Industriegebiet befindet.
„Ein einzelner Mensch bekommt nur 150€ im Monat. Wenn er raucht ist schon fast die Hälfte des Geldes weg somit hat er kaum mehr was für Essen oder den Bus“ erzählt Djamal. Da es schon schwer ist, für einzelne den Bus für 1,50€ nach Drama zu bezahlen, ist es für Familien noch schwieriger diesen Betrag für alle aufzubringen.

Weiterhin hofft Djamal sowie tausende weitere Geflüchtete in Griechenland darauf, dass sich endlich etwas an der Gesetzeslage ändert und sie nicht länger in Griechenland festsitzen müssen.

*Name wurde geändert.


Refugees demonstrated for their rights at Thessaloniki

Michaela from „Open Space“ summarized what happened:

At 5th of November around 150 people (mostly refugees) gathered in Thessaloniki to protest against living conditions for refugees in Greece and the missing possibility to choose where to live. A post on social media encouraged them to meet at the morning of the 5th November at a central place in Thessaloniki to walk in the direction of the Macedonian border. Therefore the protest started at 7 am when the first people arrived by night train from Athens.

The goal was, as Djamal*, a Syrian man from the camp at Drama told me, to cross the Macedonian border and reach other European countries from there. Their hope was built on a border crossing at 2015. Due to cold weather and expensive bus- and train tickets, that only few could afford, the group of demonstrators was much smaller than expected. Also people from the camp in Drama went o the protest in hope of a better future.

Djamal, who also participated, told me that they tried to walk to Macedonia despite their small number, but got stopped by Greek police after only a few kilometers. Even though the clash with police was peaceful at both sides, the protestants were told to end the walk and to go home. As many people came from Athens without any sleep possibility, they went back to the demo-place to stay there for the night.

Beside a peaceful procedure, the protest didn’t have the expected effect. Sill thousands of refugees are stuck in Greece dealing with a very slow and nontransparent asylum procedure and the uncertainty if they’ll ever reach their country of destination.

“Something has to change” told me Djamal. The life conditions for refugees in Greece are very problematic. The situation on the islands is catastrophic and at the mainland life as a refugee is harsh as well. Most camps are isolated from the city, as the camp at Drama which is 7 kilometers away from the center, inside an industrial area.

“A single person gets only 150€ per month. When he smokes half of the money is already gone, so he doesn’t have much left for food or the bus.” tells me Djamal. It’s already hard for singles to afford 1,50€ for the bus to Drama, so for families it’s even more difficult.

Djamal and thousands of refugees still hope for a change according the legal situation and that they don’t have to be stuck in Greece any longer.

* Name got changed.

Die Tage werden kürzer, die Pläne länger

Es ist Anfang November in Drama.

Da es bald zu kalt wird, um uns im Circuszelt und im Freien zu beschäftigen, ziehen wir bald in neue Räume um, die uns freundlicherweise gratis zur Verfügung gestellt werden. Sie befinden sich in einer stillgelegten Stickerei.

Letzte Woche haben wir, mit der tatkräftigen Unterstützung einiger Menschen aus dem Camp, einen Zaun gebaut, der die Hunde des Besitzers fernhält, so dass  sich alle auf dem Gelände frei bewegen können.
In den nächsten Wochen ist das Aus,- Aufräumen und Dekorieren geplant. Auch hierfür wünschen wir uns, dass es ein Gemeinschaftsprojekt wird, bei dem sich jede*r mit eigenen Talenten und Ideen einbringen kann um die neuen Räume, wie auch das Zelt vorher, gemeinsam zu gestalten.

Am Samstag konnten wir dank einer großzügigen Spende ein Grillfest veranstalten. Der Versuch zumindest ein Stück weit Freiheit und Normalität in den schwierigen Alltag der Geflüchteten zu bringen. Gemeinsam sind wir zu einem wunderschönen Grillplatz in der Nähe gelaufen, wo wir mit ein paar Leuten aus dem Dorf, die sich spontan dazugesellt haben, den ganzen Nachmittag gegessen, gespielt und musiziert haben.

Auch was die Sprachkenntnisse angeht, machen wir alle Fortschritte.
Der Englischunterricht macht die Kommunikation miteinander jeden Tag ein Stück leichter. Faszinierend, in wie vielen Sprachen hier kommuniziert wird. Es wird Arabisch, Kurdisch, Englisch, Deutsch und Griechisch gesprochen. In nächster Zeit sind Tandemgruppen geplant, so dass man sich gegenseitig Sprachen beibringen kann, ein weiterer Schritt in die Selbstständigkeit und Freiheit.

Wir sind außerdem noch immer auf der Suche nach „Locals“, Menschen aus Drama, die wir auf verschiedenen Ebenen in unser Projekt einbinden können. Nach wie vor ist die Isolation der Geflüchteten ein zentrales Problem, an dem wir arbeiten möchten. Dazu haben einige Mitglieder von Open Space letzte Woche dem Treffen einer lokalen antifaschistischen Gruppe beigewohnt und das Projekt vorgestellt. Wir hoffen auf diesem Wege auch die strukturelleren Problematiken, wie die angesprochene Isolation, anzugehen.

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Nun möchte ich noch ein „Projekt im Projekt“ vorstellen.
Mein Name ist Olivia Grün, ich bin ausgebildete Musikerin und habe es mir zur Aufgabe gemacht, den Campbewohner*innen mein Metier näherzubringen.
Ich würde gerne ein Musical mit ihnen auf die Beine stellen in dem sie ihre eigenen Geschichten erzählen können. Wir werden gemeinsam Lieder schreiben,  auf dass sie ihre Stimmen erheben und auf eine friedliche Art und Weise alles rauslassen können, was sie stört.
Ich habe einige kleine Instrumente mitgebracht und bin immer auf der Suche nach Neuen.

Es wäre toll auch hierbei Unterstützung zu bekommen, sei es in Form von alten Musikinstrumenten, Büchern, Noten, Studioausstattung (Mischpult, Mikrofone, Kabel etc.) Außerdem ist geplant Musikinstrumente aus recyceltem Material, Holz und Allem was man noch so findet selbst zu bauen.

Stay tuned.

 

 

 

 

 

Stange um Stange

„Wir müssen unser Zelt sofort abbauen“, eine Information, die wir vor circa 3 Wochen erhielten. Wir packten innerhalb von 15 Minuten Spanngurte, Sonnencreme und das nötige Werkzeug zusammen, koppelten den Anhänger an das Auto und baten noch während der Fahrt zum Zelt Menschen aus dem Lager um ein paar helfende Hände. Innerhalb von 4 Stunden bauten wir in der prallen Mittagshitze gemeinsam das Zelt ab. Währenddessen kam immer wieder die Frage auf, was passiert sei. Die Antwort: Durch Bürokratische Hürden und durch Fehler, die uns in diesem Prozess unterlaufen sind, sahen wir uns gezwungen das Zelt abzubauen und uns einen neuen Platz zu suchen. Wir standen nicht nur wieder beinahe ganz am Anfang, sondern auch vor einem Berg an Fragen, die uns die darauffolgenden Tage begleiten würden. Wo dürfen wir unser Zelt aufbauen? Wem gehört welches Grundstück? Wen sprechen wir am besten an? Wie kann unser Projekt weitergehen? Es folgten zahlreiche Gespräche mit Behörden, Firmen und Privatpersonen.

Am Ende stand fest, dass es unsere einzige Lösung ist, ein Privatgrundstück zu finden. Zum Glück begegneten wir, einem sehr netten Mann, der ein Grundstück nahe des Flüchtlingslagers mit Baumwolle bewirtschaftet. Er war nach unseren Erzählungen direkt begeistert von unserem Projekt und erzählte, dass auch er selbst vor einiger Zeit die Menschen im Lager unterstützt habe. Ein Teil seines Landes dürfen wir jetzt für unser Zelt benutzen. Wir sind dann direkt zum diesem Grundstück gefahren und haben einen Weg angelegt der zukünftig zum Zelt führen soll. Wir hackten, zupften und stutzten und umrandeten das Geschaffene mit Steinen. Anschließende packten wir alles für einen erneuten Zeltaufbau zusammen, bei dem wir von den Menschen aus dem Lager nochmals tatkräftigt unterstützt wurden. Schließlich stand das Zelt wieder und alle Beteiligten waren sehr glücklich darüber. Durch den neuen Weg und die Nähe zur Straße wirkt das Zelt nun sogar noch einladender. Wir hoffen, dass wir so zusätzliche Menschen ansprechen können, die der vorherige Weg durch kratziges Gestrüpp abgeschreckt hatte.

Durch den Abbauprozess wurde uns nochmal bewusster, wie sehr die Leute das Projekt schätzen und wie wichtig es ihnen ist. Regelmäßige Zeltbesucher klagten darüber wie sie jetzt ihre Freizeit gestalten, Englisch oder Deutsch lernen und wo die Kinder zum Spielen hinkommen sollten. Beim Abbau kam eine Mischung aus Schock und trauriger Abschiedsstimmung auf. Umso größer war dann die Euphorie nachdem das Zelt nach nur einer Woche ein zweites Mal stand und der erste Tee auf der Herdplatte köchelte.

Wir freuten uns sehr, dass wir schon wenige Tage nach dem Wiederaufbau mehr Menschen denn je im Zelt begrüßen durften. Darunter viele altbekannte aber auch einige neue Gesichter. Besonders glücklich waren wir auch darüber, dass erstmalig Frauen regelmäßig ihren Weg zum Zelt fanden um an der Gemeinschaft teilzuhaben. Das turbulente Treiben im Zelt war wieder jeden Tag in vollem Gange. Eine griechische Freundin stellte uns eine Menge an Bastelmaterialien zur Verfügung (vielen Dank nochmals an dieser Stelle), so dass sich noch mehr Möglichkeiten für die Kinder im Zelt ergaben. An einem Tag bauten wir zum Beispiel ein Papp-Modell der Akropolis nach. Wobei Nachbau es wohl kaum trifft, sagen wir die Akropolis wurde von den Kindern auf spaßige Art und Weise neuinterpretiert. Zusätzlich bildeten sich aus Eigeninitiative regelmäßige Englischlerngruppen, eine Frauen und eine Männergruppe, die mit unserer Hilfe täglich neue Wörter lernen.

Salam Alaikum

20170830_174512In den ersten zwei Wochen begegnen uns viele neugierige Blicke der Campbewohner und Polizisten, noch nicht so ganz wissend, was diese Deutschen hier mit ihrem Circuszelt vorhaben.
Inzwischen ist jedoch schon etwas Ruhe und Regelmäßigkeit in den Zeltalltag gekehrt. In den kühleren Nachmittagsstunden fahren wir normalerweise zum Camp und öffnen die Zelttüren. Im Nu ist das Zelt mit zahlreichen, hüpfenden Kindern gefüllt. Mit Tee kochen, Gesichterbemalung und einer Ukulele, die erstaunlicherweise immer noch nicht zu Bruch gegangenen ist, kann man die turbulente Kinderschar glücklich beschäftigen.

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Nach und nach haben auch einige Jugendliche und Erwachsene das Zelt entdeckt und setzen sich gern an die Palettentische, um uns angeregt arabisch beizubringen oder englisch und deutsch zu lernen. Mit Händen, Füßen und via Google Translater werden ganze Lebensgeschichten ausgetauscht und wir bekommen langsam ein Gefühl für die individuellen Bewegunggründe der Flucht und das, was die Menschen derzeit beschäftigt.
Manche Abende klingen mit arabischer Musik und traditionellem Tanz aus, bevor wir wieder zurück in unsere kleine Wohnung in Drama fahren, um dort beim Abendessen den Tag zu reflektieren.

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Nun hat sich die Zeit in Griechenland für die erste Gruppe zum Ende geneigt und das Zepter wird an die nächste Gruppe, bestehend aus Mahin,  Max, Jasmina, Janina und Julia, weitergegeben.
Wir blicken zurück auf einen Monat, der gefüllt war mit nervenaufreibenden Orgakram, intensiven Gruppenprozessen, ethischen Diskussionen und wertvollen Begegnungen sowohl mit Geflüchteten, als auch der lokalen Bevölkerung Dramas.

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Lasst uns gemeinsam etwas aufbauen

Plötzlich war er da – nach über zwei Wochen des Organisierens, Planens und Verirrens im Behördendschungel – der Tag, an dem wir endlich unser Zelt aufstellten. So richtig daran glauben konnten wir erst, als die ersten Zeltstangen über das riesige freie Feld vor dem Camp getragen wurden und immer mehr Menschen auftauchten, die uns ihre Hilfe anboten. Die daraufhin entstandene Dynamik hat unsere Vorstellungen bei weitem übertroffen. Nach und nach wurde der Zeltaufbau zum Gruppenprozess, bei dem jede Menge Lösungen für unlösbar scheinende Probleme gefunden werden mussten – und auch gefunden wurden. Stundenlang waren alle Anwesenden darin vertieft, welche Stangen wie zusammengehören und wie man sich am besten organisiert, um das riesige Zirkusdach Schritt für Schritt auf eine Höhe von mehreren Metern zu bewegen. Am Ende stand unsere Open Space Crew quasi daneben und hatte Zeit zu bewundern, wie zum Beispiel mal eben auf die Schultern eines Freundes geklettert wurde, um die rotgelbe Zeltplane zu befestigen.

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Zu Beginn war unter den Anwesenden noch eine leichte Skepsis zu spüren, was mit dem Haufen an Stangen, Verbindungsstücken und riesigen Säcken voll Plane geschehen soll. Aber nachdem wir Fotos von Circuszelten zeigten und in den Köpfen langsam ein Bild entstand, was wir da vorhatten, begann die Freude am gemeinsamen Projekt. Egal wie knifflig die Situation gerade schien oder wie viele Stangen gestemmt werden mussten, das Lachen und die gute Laune aller Beteiligten sorgte schließlich dafür, dass unser Zelt rechtzeitig zum Sonnenuntergang stand.

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Die folgenden Tage begann sich das Zelt mit immer mehr Menschen, Musik und dem Geruch von frisch gekochten Tee zu füllen. Nach und nach erzählen wir den Menschen, die neugierig beim Zelt vorbeischauen, was wir da eigentlich vorhaben. So entstanden schon die ersten Ideen, wie sich unser „Open Space“ füllen könnte. Uns ist es wichtig, diejenigen, die unser Zelt mitgestalten wollen bei ihren Ideen und Projekten zu unterstützen und uns langfristig gemeinsam den Problemlagen zu stellen, die das Leben in einem Lager* vor geschlossenen Grenzen mit sich bringt.

In unserem Zelt wollen wir den Menschen die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ermöglichen. Denn durch die europäische Grenzpolitik wird Betroffenen in vielen Bereichen die Möglichkeit genommen auf ihre eigene Lebenssituation Einfluss zu nehmen. Wo und wie sie wohnen, wohin sie gehen können, was und ob sie arbeiten, ist nicht von ihnen selbst, sondern von Gesetzen und Behörden abhängig. Und selbst die wenigen, kleinen Bereiche wie die Gestaltung ihrer freien Zeit, in denen sie theoretisch selbstbestimmt handeln können, sind oft überschattet von einem Gefühl der Machtlosigkeit. Deswegen wollen wir in unserem Zelt Räume eröffnen, in denen Menschen so viel wie möglich aktiv auf ihre Umwelt einwirken und diese gestalten können. Durch selbstorganisierte Workshops, Sprach-Tandems und viele weitere Ideen. Wir hoffen, dass sie dadurch ermutigt werden, diese Erfahrung auch auf Situationen außerhalb unseres Zelts zu übertragen.

Unser Anspruch ist es außerdem, die Situation flüchtender Menschen an Europas Grenzen in das Bewusstsein so vieler wie möglich zu bringen.

In das Bewusstsein derer, die in Ländern leben, die für Andere zum Ziel ihrer Flucht geworden sind. Denn nicht nur die deutschen Nachrichtensendungen vermitteln das Bild es würden sich weniger Menschen auf den Weg machen und übersehen dabei, dass diese einfach weiter entfernt von uns aufgehalten werden. Wodurch es noch schwieriger ist eine Ahnung davon zu bekommen, was es bedeutet sich auf der Flucht zu befinden, ohne Perspektive das Zielland zu erreichen.

Aber auch in das Bewusstsein der in Drama lebenden, um mit ihnen gemeinsam der Isolation des Camps entgegenzuwirken und stattdessen Verbindungen zu schaffen. Es mag seltsam erscheinen, dass wir, die selbst gerade erst hier angekommen sind, diese Aufgabe angehen. Allerdings ist einer der Gründe, warum diese Menschen hier festsitzen, die politische Entscheidung aus einem Land in dem wir wahlberechtigt sind. Deswegen finden wir, dass die Verantwortung mit den daraus resultierenden Folgen umzugehen, nicht allein bei Griechenland liegt.

Auch wenn wir uns noch am Anfang unseres Projekts befinden und zunächst das gegenseitige Kennenlernen und Ideensammeln im Vordergrund stehen, ist uns wichtig dabei das angesprochene „Große Ganze“, sowie das Konzept hinter unserer Arbeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Jedes Mal, wenn wir die Straße zum Camp entlangfahren und inmitten des verlassen wirkenden Industriegeländes das bunte Circuszelt am Horizont sehen sind wir kurz verblüfft, was sich da in den letzten Tagen bereits entwickelt hat und gespannt was in Zukunft noch gemeinsam entstehen wird.

 

* Für Interessierte hier ein Artikel zur Begrifflichkeit und Geschichte von Lagern: http://m.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/246175/begriff-und-geschichte-des-lagers